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„Die anderen am Boot wollen nach Gaza.. Ich will nach Palästina“

04.11.2011

 
Unter den Aktivisten auf der „Freedom“ Flottille nach Gaza befand sich der palästinensische Blogger Majd Kayal, der sich gerade noch von einem Hungerstreik in Solidarität mit den palästinensischen Gefangenen erholt hatte. Der in Haifa lebende zwanzigjährige Philosophie- Student verließ Palästina in Richtung Türkei, um zu einem anderen Teil des besetzten Palästinas zurückzureisen. Seine Teilnahme an der Flottille ist die Lösung des Rätsel, das er auf seinem Blog „Message to the Tricontinental“ hinterließ:
 
Am Donnerstagnachmittag 4. November kaperten israelische Kriegsschiffe die kleine Flottille und verschleppten Aktivisten und Boote zur Hafenstadt Ashdod. Als Palästinenser aus Haifa, also mit israelischem Reisepass, können Kayal ernsthafte Strafen erwarten.
 
Am Mittwoch, einen Tag vor seiner Verhaftung am Boot „Tahrir“, postete Kayal folgenden Text auf seinem Blog (übersetzt aus dem Arabischen):
 
Gedanken für Gaza aus dem Mediterraneum
 
Mittwoch. Die Sonne scheint rechts von dir und dein Herz ist dein einziger Kompass. Deine Sinne zeigen nirgendwohin außer nach Süden. Keine Blicke rückwärts, denn ich habe nichts zum Abschiednehmen in dem Land, wo ich die Tage vor der Rückkehr in die Heimat verbrachte.
Rückkehr? Alle am Boot gehen nach Gaza, aber ich gehe nach Palästina!
 
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Wenn alle Merkmale der Topographie zugunsten des Meeres verlieren, wird die überwältigend große Fläche ein Gefängnis für den hungrigen Sehsinn. Und für die Mütter von Gaza, und für den Stolz der Konfrontation mit den Traumraubkommandos, wird das Gehör eine Fabrik für Tagträume und eine Hebamme für schöne, nervöse Gedanken,
 
Das Klingen des Skype, der ausgewogene Englisch-Akzent Ehabs, die Lieder von Scheikh Imam, der Lärm des Radios in der Kammer des Kapitäns George, die Schritte meiner Mutter am morgendlichen Weg zur Arbeit, und das Kreischen des Steuerrads.. Dann komm das Lied: „Mutter wir schlichen uns in aller Frühe, unsere Boote stachen in See.. Und die Wellen des Meers sind da für unsere Aufgabe….“
 
Das gespannte Gespräch unter den Journalisten über die mediale Verdunkelung.. das Unterscheiden der Stimme der Kugel von jener der Tränengaspatronen… die unschuldigen Fragen meiner Oma.. das Mittagessen von Kate an der Spaghettimaschine.. die verbotenen Aufrufe.. die Worte der Genossin an ihren Geliebten über das Satellitentelefon.. und das Gerede des verliebten: „Ach hohe Wellen des Meeres, die unser teures Land erreichen…“.
 
Mein Bruder spricht im Schaf… das Lachen des Mädchen, für welches ich nicht sterben würde.. der Zynismus meines Vaters versteckt seine Angst… die Journalistin nimmt das Vorwort ihres Berichtes auf.. die Stimme des kleinen Aram beim Spielen durchbricht das mörderische Dröhnen des Motors.
 
Was macht das Ganze hier zu einem Traum? Als ob ich ein alter Mann bin, zu dem die Potenz zurückgekehrt ist.. oder ein Dichter, der neu geboren wird.
 
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Michael sagte mir, Kapitän George möchte die Zeit in der Kammer mit mir teilen. Während seines dreistündigen Schlafs von drei bis sechs soll ich das Boot mitten in diesem verrückten morgendlichen Meer lenken!! Eins nur zum historischen Hintergrund: ich besitze nicht einmal einen Führerschein, falle meistens mit dem Fahrrad um und stolpere beim Gehen… Ein Schiff??
 
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Was könnte passieren? Gefängnis? Ich würde ein Lebenslang brauchen, um die Gedanken durchs Schreiben zu unterdrücken. Ja, Schreiben unterdrückt die Gedanken. Gedanken sind wie wir, sie werden ohne Tabus geboren. Aber wir können enden, wenn uns keine Grenzen gesetzt werden. So geht es auch den Gedanken: wir müssen sie durchs Schreiben eben festlegen, damit sie nicht für ewig verloren gehen. Die Idee ist eine hübsche Frau, die in einem fremden Land vor dir vorbei geht, in das du nie zurückkehren wirst.
 
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Ich denke viel darüber nach, ob ich schreiben soll. Ich bin kein Journalist, und ich bin nicht da, um einen Blog über ein Abenteuer zu schreiben. Ich bin da, um Gaza zu betreten. Diese Zeilen sind eine Entfremdung vom Wesen der Aktion. Warum halte ich mich dann an ihnen fest?
Tun wir die Dinge, um sie niederzuschreiben? Oder tun wir sie zuerst und dann finden wir, sie sind es wert, niedergeschrieben zu werden? Schreiben ist eine Obsession, die uns nicht verlässt? Insbesondere in solchen Momenten: würde das Vorhaben zu schreiben dem Tun seine Glaubwürdigkeit rauben? Du kannst dir nur das niedergeschriebene Experiment vorstellen, bevor du es machst. Wir alle tun das, ob Journalisten, Politiker oder echte Poeten. Der eine tut, um zu schreiben, und der andere tut bis zum Ersticken, und so entschließt er sich zu schreiben..
 
Eine Nebenbemerkung: Baudelaire ist in Gaza geboren.
 
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Vor Tagen fragte mich Santiago, als wir unser erstes gemeinsame Bier in einem Cafehaus in einem entfernten türkischen Dorf tranken: Ich habe mich vor vier Jahren entschieden, bei anti-israelischen Organisationen mitzumachen. Und du?
Ich wollte provokant und schroff antworten: „Wir suchen das nicht aus. Es wird mit uns geboren..“ .. Aber ich erinnerte mich daran, dass ich dann lügen würde…Da habe ich festgestellt, ich mag diesen Santiago..

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